Hebamme werden

Den eigenen Weg finden

Berufsbild Hebamme – was verbinde ich damit, jetzt, im 4. Semester, auf dem Hintergrund meiner Erfahrungen in der klinischen und außerklinischen Praxis? Und was bedeutet das für mich in meiner Situation als Auszubildende? Was brauche ich auf diesem Weg? Vier Studierende der Hamburger Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) aus dem Studium der Hebammenwissenschaft antworten auf diese Fragen. Dr. Angelica Ensel

Die rosarote Brille habe ich abgenommen

 

Begonnen habe ich dieses Studium mit einer romantisierten und vermutlich verklärten Vorstellung davon, dass Schwangerschaft, Geburt und die erste Zeit als Eltern friedlich, hoffnungsvoll und ungestört ablaufen. Ich wollte dabei sein, wenn dieser Übergang in ein neues Leben stattfindet. Beinahe zwei Jahre sind seit Beginn meines Studiums vergangen. In dieser Zeit hat sich mein Blickwinkel ziemlich verändert.

Die rosarote Brille habe ich abgenommen und erkannt, dass die ganze Sache mit der Reproduktion doch nicht so einfach ist, wie gedacht. Jede Phase der Schwangerschaft und der Geburt wird strengstens überwacht, und für Vertrauen und gute Hoffnung in natürliche Prozesse scheint wenig Platz zu sein. Eine bittere Erkenntnis – jedoch schreckt sie mich nicht davon ab, meinen Beruf schon jetzt zu lieben und ihn mit Haut und Haaren zu spüren. Immer wieder gibt es Momente, die mich so tief berühren und mich antreiben, Menschen in dieser Phase ihres Lebens zu begleiten. Außerdem habe ich noch eine Erkenntnis gewonnen: Der Beruf der Hebamme erfordert viel. All meine Sinneswahrnehmungen, Empathie, Intuition und mein Verstand – meine gesamte Persönlichkeit ist bedeutungsvoll, um den Beruf eines Tages umfassend auszuüben.

Ich habe den Eindruck, es geht darum, Räume zur Entfaltung zu schaffen und gleichzeitig vorsichtig Weichen zu stellen, um Gebärenden und Familien die bestmögliche Erfahrung zu schenken. Gleichzeitig geht es darum, viel auszuhalten: Anstrengung, Müdigkeit und die Verzweiflung über systemische Ungerechtigkeit. Ich merke schon jetzt, dass ich nicht zu viel aushalten möchte – zumindest nicht so viel, dass ich womöglich zerbreche. Ein großes Spannungsfeld tut sich auf, in dem ich mich noch nicht sicher zu bewegen weiß.

Die bestmögliche Vision, die ich für meinen Berufswunsch sehe, ist, dass jeder Mensch, wenn er es wünscht, die Dienste einer Hebamme in Anspruch nehmen kann. Außerdem sollte eine Eins-zu-eins-Betreuung selbstverständlich sein, es sollten ausreichend Ressourcen zur Verfügung stehen und eine interprofessionelle Zusammenarbeit gegeben sein, um individuell angepasste Lösungen für jede:n Schwangere:n/Wöcher:in zu finden. Zu guter Letzt sollte die finanzielle Wertschätzung für Hebammen durch faire Bezahlung gewährleistet und die Bedingungen würdig sein, um unter ihnen zu arbeiten.

Zurzeit sehe ich ein hohes Maß an Ungerechtigkeit, Gewalt, Zeitdruck und gleichzeitig so viel Hingabe, Bemühung und gute Betreuung von einzelnen Menschen. Leider begegnet mir auch viel Ego in der Versorgung von Schwangeren und Gebärenden. Es scheint mir, als ginge es häufig nicht um diejenigen, die auf unsere Unterstützung angewiesen sind. Ich erlebe, dass Entscheidungen aus Bequemlichkeit oder auf der Basis von eigenen Meinungen und Vorlieben getroffen werden. In vielen Fällen gewinne ich nicht den Eindruck, dass es tatsächlich um diesen einen Menschen geht. Zumindest betrifft dies den großen Teil meiner Erfahrungen, in der Klinik, in der ich lerne. Ich hatte das Glück, auch andere Erfahrungen mit einzelnen tollen Menschen sowohl in der Klinik als auch Außerklinik zu erleben.

In meiner Rolle als Studentin lerne ich nicht meine eigene Art, Schwangere zu begleiten, sondern sollte mir von jeder Kollegin einprägen, worauf sie Wert legt und was sie gar nicht leiden kann, damit ich ihr bestmöglich zuarbeiten kann. Dem habe ich mich gebeugt, um möglichst konfliktfrei durch diese Zeit kommen. Selten erlebe ich es, dass ich darin bestärkt werde, meinen ganz eigenen authentischen Weg als Hebamme zu finden. Wenn ich diese Bestärkung erlebe, sind diese Momente dafür umso schöner.

Ich erlebe es immer wieder als großes Geschenk, wenn mir Vertrauen entgegengebracht wird. Vertrauen, dass ich mich ausprobieren darf, dass ich mitunter neugierige und kritische Fragen stellen und vor allem, dass ich Fehler machen und scheitern darf. Die Zusammenarbeit mit Hebammen, die mir offen, freundlich und vertrauensvoll begegnet sind, waren bisher meine größte Quelle der Weiterentwicklung. Wenn ich genauer darüber nachdenke, brauche ich im Prinzip das Gleiche in meiner praktischen Ausbildung, wie eine Schwangere unter der Geburt. Ich benötige einen geschützten Raum, in dem ich mich sicher und geborgen fühle. Ich möchte eine Eins-zu-eins- Begleitung erfahren, damit ich in meiner Unerfahrenheit aufgefangen werde. In schwierigen und anspruchsvollen Situationen brauche ich ermutigende und liebevolle Worte. Bestimmt brauche ich auch die eine oder andere Intervention, beispielsweise in Form von konstruktiver Kritik. Und so – da bin ich mir sicher – wird aus mir eine ganz gute Hebamme.

Anonym – die Autorin ist der Redaktion bekannt.

 

 

Der Zauber des Anfangs ist geblieben

 

Dies ist keine der Geschichten von einem kleinen Mädchen, das schon als Kind wusste, dass es später einmal Hebamme werden möchte. Es ist vielmehr die Geschichte von einem Wunsch, der immer mehr gewachsen ist. Bis er schließlich so stark wurde, dass er nicht mehr ignoriert werden konnte.

Aber fangen wir von vorne an: Zu Beginn meiner ersten Schwangerschaft wurde ich von allen Seiten gefragt, ob ich schon eine Hebamme habe. Natürlich hatte ich mich als ambitionierte Erstgravida darum gekümmert, aber wie wichtig eine gute Hebammenbetreuung ist und wie sehr ich diese zu schätzen weiß, das habe ich erst mit der Zeit gemerkt. Mir wurde während Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett bewusst, wie relevant für unseren Start in das Abenteuer Familie eine gute Betreuung ist. Ich bekam eine Vorstellung davon, was für ein wundervoller Beruf es sein muss, junge Familien auf ihrem Weg in die Elternschaft begleiten zu dürfen.

Auch während meiner zweiten Schwangerschaft hatte ich das Glück, tolle Hebammen an meiner Seite zu haben, und meine Begeisterung für diesen Beruf wuchs. Es brauchte trotzdem noch einige Jahre sowie eine unbeschreiblich tolle Betreuung von wundervollen Hebammen während meiner dritten Schwangerschaft, bis ich wusste, dass es genau das ist, was ich machen möchte, und ich den Mut hatte, dies anzugehen. Ich bewarb mich für ein Praktikum im Kreißsaal – diesmal auf der anderen Seite vom Babybauch, und danach wusste ich, dass ich alles dafür tun werde, um mich eines Tages Hebamme nennen zu dürfen. Ich hatte großes Glück, dass ich einen Studienplatz bekam, und so startete ich im Herbst 2020 voller Stolz mit meinem Ausweis »Studentin Hebammenwissenschaft« in den Händen und vielen weiteren motivierten Frauen an meiner Seite.

Manchmal kann ich kaum glauben, dass wir inzwischen die Hälfte geschafft haben. Der Zauber des Anfangs ist geblieben, ich kann mir nach wie vor keinen schöneren Beruf vorstellen! Die Betreuung der Familie durch alle Phasen der Schwangerschaft, das Wunder der Geburt und die Begleitung im Wochenbett faszinieren mich jedes Mal aufs Neue. Die Beobachtung, wie ein kleiner Mensch im Bauch heranwächst, ein Stück des Weges mit dieser Familie zu gehen und diese zu begleiten, erfüllt mich mit Glück. Meine Begeisterung und meine Motivation sind nach wie vor ungebrochen, doch es hat sich auch ein Stück Realität dazugesellt.

Bei der Komplexität des Berufs stimmt mich besonders der Mangel an Zeit oftmals traurig. Die Betreuten haben ihre individuellen Geschichten, sind teilweise voller Sorge und in einer Ausnahmesituation. Oft fehlt die Zeit, ihnen genau zuzuhören und auf ihre Bedürfnisse einzugehen. Die neue Leitlinie empfiehlt eine Eins-zu-eins-Betreuung während der Geburt, doch diese ist im Klinikalltag oft nicht möglich. Ich glaube, dass viele Interventionen durch eine konstante Betreuung vermieden werden könnten und wünsche mir und hoffe, der Personalschlüssel würde hier noch optimiert werden, so dass die Voraussetzungen für eine kontinuierliche Betreuung – bestenfalls schon in der Latenzphase – gegeben ist.

Ein großes Thema ist für mich die Gewalt in der Geburtshilfe. Ich habe das Glück, dass ich in einer Geburtsklinik lerne, wo sehr sensibel mit dem Thema Gewalt umgegangen wird. Ich kenne aber Berichte von Kommilitoninnen, die in mir einen Mix aus Wut und Verzweiflung, aber auch Hilflosigkeit hinterlassen. In unserer Position als Studentinnen ist es fast unmöglich, sich in dem Moment für die Gebärende einzusetzen, doch auch wir tragen mit unserer Anwesenheit einen Teil Verantwortung. Ich habe die Hoffnung, dass sich in diesem Punkt die Geburtshilfe noch verändert und das Thema Gewalt in allen Berufsgruppen in der Geburtshilfe Beachtung findet. Meine Vision ist es, dass niemals wieder einer Schwangeren verbale oder körperliche Gewalt widerfährt. Ich möchte daran glauben – und meinen Teil dazu beitragen – dass sich die Rahmenbedingungen irgendwann ändern und dass Hebammen jeder Familie die Betreuung geben können, die sie braucht.

Als fertige Hebamme möchte ich den Mut haben, für die Gebärende aufzustehen und für sie einzustehen, wenn sie es nicht kann. Ich möchte lernen und irgendwann über einen großen Wissens- und Erfahrungsschatz verfügen, um einzuschätzen, wann Interventionen notwendig und gerechtfertigt sind. Ich möchte die physiologische Geburt fördern und die Grenze zur Pathologie kennen, um genau zu wissen, wann meine Kompetenz endet. Ich möchte mich immer wieder reflektieren, um eines Tages Familien so zu unterstützen, wie sie es sich von mir wünschen. Wo genau meine Reise als Hebamme hingeht, weiß ich noch nicht. Ich bin noch dabei, mich in meiner Profession zu finden und bin dankbar für die vielen unterschiedlichen Hebammenpersönlichkeiten in unserem Haus und im Studium, die mir durch ihre individuelle Art zeigen, wie unterschiedlich die Begleitung gestaltet werden kann. Von jeder kann ich lernen. Durch diese vielen Impulse wird mir immer klarer, wie ich später als Hebamme sein möchte.

Aber auch ich habe Werte, für die ich bereits einstehe. Ich möchte mein Gegenüber sehen, zuhören und die Wünsche kennenlernen, um auf diese einzugehen – empathisch und nicht bewertend. Ich möchte das Netz sein, in das sich die betreute Person fallen lassen kann. Ich möchte begleiten und bestärken, bedürfnisorientiert und achtsam durch die Schwangerschaft, alle Phasen der Geburt und im Wochenbett. Ich möchte Hebamme werden, um Familien auf ihrem individuellen Weg zu begleiten, zu beraten und zu bestärken, damit sie den Mut haben, für sich und ihre Bedürfnisse einzustehen, so dass sie selbstbestimmt ihren eigenen Weg finden. Ich möchte Hebamme werden, und zwar nicht nur irgendeine, sondern die Beste, die ich sein kann.

Claudia Schäffler

 

 

Scheitern ist nun keine Option mehr

 

 

Vor zehn Jahren hielt ich überraschend einen positiven Schwangerschaftstest in der Hand. Ich war im Begriff, mein Ethnologie-Studium abzuschließen und gedanklich meilenweit vom Thema Familiengründung entfernt. Also besuchte ich eine schwangere Freundin, um zu fragen, was ich denn nun eigentlich tun müsse. Sie sagte: Du brauchst eine Hebamme. Ruf sofort an, vielleicht hast du noch Glück!

Ich hatte Glück. Dass ich meine erste Schwangerschaft, die Geburt meiner Tochter und das Wochenbett so positiv erleben konnte, verdanke ich dieser vorausschauenden Freundin und meiner Beleghebamme. Wie die Geburt ohne Eins-zu-eins-Betreuung im Kreißsaal verlaufen kann, erfuhr ich in den folgenden Jahren durch die Erlebnisse meiner Freundinnen. Und so stimmte ich meine zweite Schwangerschaft als erstes mit meiner Hebamme ab: Wann arbeitest du nächstes Jahr, wann kannst du mich betreuen? Familienplanung in Zeiten des Hebammenmangels.

Geprägt durch meine eigenen Erfahrungen wurde ich zur lautstarken Befürworterin der Hebammenarbeit. Ich spürte das dringende Bedürfnis, alle meine Freundinnen in guten Händen zu wissen für diese wichtige Lebensphase. Und mit der Zeit entstand der Wunsch, selbst diese guten Hände bieten zu können: für die Art der Geburtshilfe, wie ich sie erleben durfte und wie ich sie für möglich und nötig halte.

Als ich vor zwei Jahren die Zusage für einen Studienplatz der Hebammenwissenschaft erhielt, war ich euphorisch – und panisch. Plötzlich musste ich meinen Alltag als getrennt erziehende Mutter um ein Vollzeitstudium mit Schichtdienst herum koordinieren und mich finanziell durch den Rückschritt auf das Ausbildungsgehalt wieder in Abhängigkeiten begeben. Im vollen Bewusstsein, dass ich vermutlich an den Rahmenbedingungen scheitern würde, startete ich in das Studium.

Heute liegt die Hälfte des Studiums bereits hinter uns. Scheitern ist nun keine Option mehr, wenn auch weiterhin regelmäßig auf der Tagesordnung steht, alles hinschmeißen zu wollen. Wenn unsere Rahmenbedingungen als Eltern bei der Stundenplangestaltung oder der Einsatzplanung nicht mitgedacht werden, schleicht sich der Gedanke ein: Natürlich, dies ist ja auch ein Erststudium für ungebundene, junge Menschen, was mache ich überhaupt hier? Aber ich weiß, dass ich persönlich nach der Schule noch nicht so weit gewesen wäre. Ich hätte dem Druck und der emotionalen Belastung noch nicht standhalten können und meinen Kommilitoninnen zolle ich den größten Respekt, dass sie es tun. Trotz allem bestätigt sich aber mit jedem praktischen Einsatz: Hier will ich arbeiten, dies ist mein Beruf. Also muss ich nach jeder Panikattacke angesichts der Unvereinbarkeit wieder einen Weg finden, es möglich zu machen. Zum Glück sind wir Mütter im Jahrgang nicht allein und stützen uns gegenseitig.

Inzwischen habe ich im Kreißsaal, auf der Pränatal- und Wochenstation, der Neonatologie und im gynäkologischen OP gearbeitet. Ich habe drei Monate lang eine freiberuflich arbeitende Hebamme begleitet, die sich auf Wochenbettbetreuung und Geburtsvorbereitungskurse spezialisiert hat. Ich habe naturwissenschaftliche und sozialwissenschaftliche Kurse an zwei verschiedenen Universitäten mit sehr unterschiedlichen Ausrichtungen absolviert. Und trotzdem habe ich das Gefühl, weiter denn je entfernt davon zu sein, eine kompetente Hebamme zu sein.

Denn mit jedem bisschen Wissen und Erfahrung erweitert sich nur wieder der Horizont, was es noch alles zu lernen gibt, was ich noch nicht verstehe und noch nicht erlebt habe. Mit der voranschreitenden Zeit wächst auch die Sorge: Wie viel davon lerne ich noch in meiner Ausbildung? Und wie viel davon werde ich erst lernen müssen und können, wenn ich als examinierte Hebamme alleinverantwortlich im Kreißsaal, bei der Wöchnerin, in der Hebammenpraxis stehe?

Einerseits bin ich so dankbar für meine Vorerfahrungen als Schwangere, Gebärende, Mutter: Ich habe die Hebammentätigkeit zunächst ganzheitlich und beziehungsorientiert entlang des vollständigen Betreuungsbogens erlebt. Andererseits sehe ich noch nicht, wie aus diesen kleinen Mosaikstückchen, die ich mir gerade an Fachwissen und Fähigkeiten aneigne, jemals die Hebamme wird, die ich gerne wäre. Wie kann ich im Klinikalltag Beziehungen zu den von mir betreuten Personen aufbauen, wenn ich nur von Raum zu Raum springe und versuche, alle Bälle in der Luft zu halten, bis ich sie in der Übergabe schnell an die nächste Kollegin weiterreiche? Wie kann ich in der Freiberuflichkeit eine Wöchnerin und ihr Neugeborenes qualitativ hochwertig betreuen und gleichzeitig davon leben? Wie vereinbare ich Schichtdienst oder Rufbereitschaft mit meinen Kindern?

Die Frage, wo wir nach unserem Abschluss arbeiten wollen, begleitet uns seit Tag eins des Studiums. Ich wünsche mir, dass in den kommenden Monaten darauf noch andere Antworten entstehen als: weit weg von dem, was wir gerade als Realität im Kreißsaal oder der Freiberuflichkeit erleben. Denn den Ausblick auf ein leichteres Leben nach der Ausbildung, den hätte ich bitter nötig.

Carolin Winkelmann

 

 

Eine große Portion Pionierinnengeist

 

Hebamme werden zu dürfen, ist für mich ein Privileg. Ein Privileg, das ich sehr schätze und ich bin sehr dankbar dafür, diese Möglichkeit erhalten zu haben. Heute bin ich 25 Jahre alt und studiere Hebammenwissenschaft im 4. Semester. Doch meine Hebammenreise begann eigentlich schon viel früher. Als ich 18 Jahre alt war, sagte mir mein Gefühl, dass ich gerne Hebamme werden möchte. Deshalb absolvierte ich – unwissend, neugierig und jung – ein freiwilliges soziales Jahr in einem Kreißsaal in einem Level-1-Haus. Als ich aus diesem Kreißsaal ging, ging ich als eine junge graue Frau davon. Ich erlebte in dieser Klinik eine Rushhour an Geburten, zu müde und erschöpft waren die Hebammen, zu widerspenstig seien die Frauen, sagten sie. Ich entschied mich gegen den Hebammenberuf und studierte viele Semester einen anderen sozialen Beruf.

Doch meine innere Stimme kam zurück und sie wurde immer lauter. Ich wollte meiner Faszination für die Frau und die Geburt und meinem Tatendrang Ausdruck verleihen und Schwangere, Gebärende und Mütter auf eine andere Art begleiten, als ich es erlebt hatte. Ich folgte meiner Intuition und erhielt zu meiner größten Freude einen Studienplatz. Das Studium bedeutet für mich Freiheit und Enthusiasmus. Es trägt eine große Portion Pionierinnengeist in sich und zeugt für mich von Reflexion und Hinterfragen und von einem Verknüpfen von Intuition und Wissenschaft. Ich verbinde mit dem Studium der Hebammenwissenschaft eine Stärkung der Ressourcen und der Eigenständigkeit der Hebamme, das Lösen aus veralteten starren Strukturen und Hierarchien und vor allem Mut zu neuen Wegen.

Auf meinem bisherigen Weg, auch jetzt im Studium, habe ich im Kreißsaal viele negative Erfahrungen gemacht und mich als ein Opfer der Situation gefühlt. Mit Hebammen und Ärzt:innen, die sich den Frauen gegenüber respektlos, menschenunwürdig und überheblich verhalten und mit geburtshilflichen Ereignissen, deren Pathologie zu oft durch personelles Fehlverhalten herbeigeführt wurde und von Schrecklichkeit geprägt waren. Doch mittlerweile habe ich erkannt, dass auch ich als Studentin die Kraft und Stärke besitze, etwas an der Situation zu verändern.

Ich verstehe es als meine Aufgabe, in eine Anwaltschaft für die Frau zu treten und ihre Bedürfnisse zu schützen und zu begleiten. Ich möchte mutig sein und mich trauen, Fragen zu stellen, meine Meinung zu äußern oder etwas anders zu machen. Zu meinem Glück fand auch ein großer Teil des ambulanten Einsatzes in meinem dritten Semester statt. Ich durfte neun faszinierende Hausgeburten erleben, die von Ruhe, Selbstbestimmung und Natürlichkeit geprägt waren. Ich bin sehr froh, dies erlebt haben zu dürfen, da so das Bild der Urkraft und der Natürlichkeit der Geburt in mein Herz eingezogen ist. Auf der Basis dessen möchte ich die Physiologie der Geburt und das Selbstbestimmungsrecht der Frau als mein wichtigstes Ziel verfolgen.

Auf meinem Weg zur Hebamme wünsche ich mir Menschen, die wirklich Lust haben, ihren Wissensschatz weiterzugeben, mit denen ich auf Augenhöhe lernen darf und die offen sind, mit stetigen Veränderungen im Fluss zu leben und zu arbeiten. Ich wünsche mir den Kreißsaal als vertrauensvollen Lernort, in dem ich lernen darf, ohne Angst haben zu müssen, einen Fehler zu begehen. An dem ich mich als Persönlichkeit einbringen und ausprobieren darf, und nicht nur das Ausführen erlerne. Meiner Meinung nach geht es nicht darum, eine Spaltung hervorzuheben. Einen Zwiespalt zwischen Klinikhebamme oder einer Hebamme, die Geburten freiberuflich begleitet. Oder zwischen einer ausgebildeten Hebamme und einer studierten Hebamme. Sondern darum, wie wir alle das gleiche Ziel verfolgen können, wie wir gemeinsam schwangere Personen, Gebärende oder Wöchnerinnen mit ihrem Ungeborenen oder Neugeborenen auf eine Art und Weise begleiten können, die evidenzbasiert und bedürfnisorientiert ist, und der Geburt als einzigartigem existenziellem Erlebnis mit Wertschätzung begegnet. Denn noch etwas, was ich innerhalb meines Studiengangs erlebe, ist unbändige Motivation und Wissensdurst, die wirkliche Hebammenkunst zu erlernen. Das Spüren, das Beobachten, das individuelle Begleiten.

In den nächsten drei Semestern möchte ich meinen Rucksack mit ganz viel Wissen und Erfahrungen füllen, um danach in die Hebammenwelt aufbrechen zu können, in der Gemeinschaftlichkeit und Empowerment die Zusammenarbeit bestimmen, in der wir gemeinsam verändern können und in der die Bedürfnisse der Schwangeren, Gebärenden und Wöchnerin in einer Einheit mit ihrem Kind als oberste Priorität gelten. Ich bin fest davon überzeugt, dass, je klarer ich dieses Bild in mir trage, desto mehr dies zu meiner Realität in meiner zukünftigen Hebammenarbeit wird.

Greta Wolters

Rubrik: Ausgabe 08/2022

Vom: 21.07.2022