Mission Bindungsförderung

Was ist die Grundlage für eine gelingende Bindung? Mindestens zwei Kölner Hebammen sind sich sicher: Es ist der ständige Hautkontakt der Babys mit den Eltern – ab dem ersten Tag. Mit Enthusiasmus und Tatendrang implementierten sie ein besonderes Bindungskonzept für die Wochenbettstation. Bettina Salis
  • Den Blick nach vorne, das Ziel vor Augen: Vera Witsch (links) und Susanne Ritz erscheinen meist im Doppelpack, begehen für ihre Mission Bindungs­förderung neue Wege und lassen sich von Rück­schlägen nicht aus dem Tritt bringen.

Es gab mal eine Zeit, da war Vera Witsch nicht sicher, ob sie am richtigen Platz ist mit ihrer Arbeit. Nach ihrer Babypause hatte die Hebamme begonnen, Nachtdienste auf der Wochenstation des »Klösterchens« zu machen, wie das Krankenhaus der Augustinerinnen im »Severinsklösterchen« in Köln genannt wird. Sie kannte das Haus, weil sie zuvor dort im Kreißsaal gearbeitet hatte. Was sie auf der Wochenbettstation sah, verunsicherte sie: Häufig weinten die Babys oder die Mütter. Auch weinende Väter erlebte sie. Musste das wirklich so sein? Musste sie hinnehmen, dass das eben so ist in den ersten Tagen nach der Geburt? Oder könnte man die Versorgung der Wöchnerinnen nicht auch so gestalten, dass sie für alle Beteiligten (inklusive Stationspersonal) entspannter wäre? Das Wochenbett sollte doch eigentlich eine schöne Zeit sein. Liest man nicht immer wieder von Babyflitterwochen? Das war 2018.

Im selben Jahr stießen die Hebammen Susanne Ritz und Sonja Liggett-Igelmund zum Team auf der Wochenbettstation dazu. Diese beiden Frauen waren die Rettung für Vera Witsch und leiteten eine Zeitenwende ein – die bis heute nicht abgeschlossen ist.

 

Auf der Suche nach dem verlorenen Glück

 

Susanne Ritz brennt für die Bindungsförderung von Anfang an. Bereits 2006 gehörte sie zu den Hebammen, die im Klösterchen die Wochenpension ins Leben riefen. So nannte sich die exklusive Einrichtung mit liebevoll eingerichteten Privatzimmern, die die Kundschaft anlocken sollte – obwohl das Angebot extra kostete. Das Ziel des Teams der Wochenpension: die besten gesundheitlichen Grundlagen für das Baby schaffen. Und das klappt nach ihrer festen Überzeugung über eine gelungene Bindung! Ideale Voraussetzung ist dafür wiederum der Hautkontakt zwischen Müttern, Vätern und dem Baby. Und zwar so viel wie möglich. Also permanent. Damit das gut funktioniert, müssen die Eltern entspannt sein – und da hilft unter anderem eine gemütliche und freundliche Umgebung.

Bereits mit 20 Jahren hatte Ritz die US-amerikanische Schriftstellerin Jean Liedloff gelesen. Diese beschreibt in ihrem 1978 auf Deutsch erschienenem Buch »Auf der Suche nach dem verlorenen Glück«, wie die Babys des venezolanischen indigenen Volks der Yequana in ständigem Hautkontakt mit ihren Eltern leben. Liedloff ist überzeugt, dass das eine Grundlage für das harmonische und glückliche Zusammenleben dieses Volkes ist.

Spätestens seit dieser Lektüre brennt in Ritz ein Feuer für einen »liebevollen Umgang mit Menschen vor allem rund um die Geburt«. Allerdings erlebte sie ihre Hebammenausbildung als traumatisch, wollte erst einmal mit dieser an Pathologie orientierten Geburtshilfe nichts zu tun haben und verbrachte mit ihren kleinen Kindern ein paar Jahre in der Karibik. Zeit für Familienbindung.

 

Bauchgefühl und Theorie

 

Als dann das Angebot aus Köln kommt, die Wochenpension mit aufzubauen, öffnet sich für Ritz ein neuer Weg. Das ist ein Projekt, das sich für sie perfekt anfühlt. Endlich hat sie die Gelegenheit, die Grundlage für gesündere und glücklichere Familien zu bereiten. Auch Liedloff sei Dank. Mehr theoretischen Unterbau hat Ritz zu der Zeit nicht. Sie folgt ihrem Bauchgefühl – und wird darin bestätigt, als sie etwa zwei Jahre nach Eröffnung der Wochenpension eine Ausbildung zur SAFE®-Mentorin bei dem Kinder- und Jugendpsychiater Karl-Heinz Brisch absolviert (siehe Interview Seite 36ff.). Heute sagt Susanne Ritz: »Diese Weiterbildung hat mein Leben verändert und uns die theoretische Grundlage für das gegeben, was wir bis dahin quasi intuitiv gemacht hatten.« Sie war und ist inspiriert von der Arbeit Brischs, die seitdem ihr Leben begleitet.

Da der Hautkontakt damals nicht zur öffentlichen Philosophie des Hauses gehört, habe es sich auf der Wochenpension oft angefühlt, als schiebe sie den Eltern heimlich ihre Vorstellungen unter. Ritz kichert verschmitzt, als sie das erzählt, als hätte sie an einer geheimen – erfolgreichen – Mission teilgenommen: Denn die meisten Eltern lassen sich auf das Haut-auf-Haut-Konzept ein. Ritz lacht: »Und wenn die sich erst einmal eingelassen hatten, dann erledigte den Rest ›Überzeugungsarbeit‹ das Oxytocin.«

Der Erfolg zeigt sich an einem Stapel Gästebücher mit vor Glück übersprudelnden Einträgen. Trotzdem bleibt die Wochenpension eine Außenseiterin in der Klinik: Mit wenigen Ausnahmen werden weder die Kolleg:innen im Kreißsaal noch diejenigen auf der klassischen Wochenbettstation warm mit dem Konzept. »Für viele war das Spinnerkram für reiche Leute«, räumt Ritz ein.

Nach sieben Jahren ist Schluss mit der Wochenpension. Finanzielle Gründe heißt es. Aber Ritz` Traum, sich mit ihrem Konzept auf die Wochenbettstation auszuweiten, ist noch lange nicht ausgeträumt. Sie bleibt am Ball.

 

Den richtigen Weg finden

 

In Köln in einem Café erzählen Ritz und Witsch von ihrem gemeinsamen Weg. Die beiden Frauen leben ihre Passion, sie sind fröhlich, schweifen ab, wollen am liebsten alles auf einmal erzählen, schwärmen von ihren Wegbegleiterinnen und Mitstreiterinnen, ohne die sie nicht da wären, wo sie heute sind. Sie wissen gar nicht recht, wo anfangen. Es gibt wahrlich viel zu berichten, weil sie einen langen Weg hinter sich haben und das Thema Bindungsförderung auf der Wochenstation ausgesprochen vielschichtig ist. Die beiden Hebammen sind jeden Tag aufs Neue fasziniert von dem, was sie zu sehen bekommen. Witsch: »Wir ordnen alles der Bindungsförderung unter. Und wenn man erst einmal diesen Fokus hat, dann kann man gar nicht mehr anders arbeiten. Sieht man dann die Erfolge, ist das einfach irre.« Klar ist: Hier sitzen zwei Anstifterinnen.

Nach dem Aus für die Wochenpension hat Ritz wieder Glück: an ihrer neuen Wirkungsstätte, dem St. Vinzenz-Hospital in Köln. Dort findet sie in den Leiterinnen der Wochenbettstation zwei Mitstreiterinnen für ihre Mission – das ist etwa 2014, so ganz genauer erinnert Ritz die Jahreszahlen nicht mehr. Die Begeisterung für die bindungs- und bedürfnisorientierte Wochenbettbetreuung springt über, das Konzept wird eingeführt: eine Chance für das Wochenbettteam, reichlich Erfahrungen zu sammeln. Hier erlebt Susanne Ritz, dass das Konzept Hautkontakt auch auf einer klassischen Krankenhausstation funktioniert und willkommen sein kann. Doch dieses Glück währt nicht lange, 2018 wird die komplette geburtshilfliche Abteilung geschlossen.

Gemeinsam mit der ehemaligen Stationsleitung der geschlossenen Abteilung, Sonja Liggett-Igelmund, kehrt Ritz an ihre alte Wirkungsstätte zurück, ins Klösterchen. Sie ist fest entschlossen, dieses Haut-auf-Haut-Konzept auch dort einzuführen. Als erstes holen die beiden Frauen die Leitung der Abteilung ins Boot, dann die Stillberaterin, und natürlich den Chefarzt. Der Weg ist steinig, weil noch gar nicht ausgetreten, die Frauen müssen den richtigen Pfad erst finden. Am Ende aber haben sie ein Okay von ganz oben.

Für Witsch, die mit dem Status quo hadert, ist das die Rettung. Ihre Arbeit bekommt eine neue Richtung und einen Sinn. Sie besucht einen Brisch-Kurs, der auch für sie lebensverändernd ist: »Als ob ich eine neue Brille für mein Leben aufgesetzt habe – sowohl für das berufliche als auch das private«, schwärmt sie. »Ich wollte, dass alle mit Wissen gefüttert werden: Kreißsaal, Ärzt:innen, die Wochenbettstation, der Chef. Alle. Damit wir auf denselben Stand kommen und wissen, was warum gemacht wird. Und wissen, dass das kein seltsamer Hippiekram ist, sondern fundiert.«

Das Wissen zu teilen ist dringend notwendig, denn das »Go« von der Leitung bedeutet nicht, dass diese den Weg vorgibt. Ihn zu erarbeiten liegt in der Hand von Susanne Ritz, Vera Witsch und Sonja Liggett-Igelmund. Bis hierhin ist eine Zwischenetappe geschafft, nun geht es darum, das Herz in die Hand und die Kolleg:innen mit zu nehmen.

 

Auf die Kölsche Art

 

Ritz lacht viel während des Gesprächs, auch über ihre Schwächen: »Unser Konzept einzuführen, das sieht von außen wahrscheinlich wie ein einziges Herumgewurschtel aus.« Witsch schmunzelt: »Wir haben das auf die Kölsche Art gemacht.« Es gebe ja keine Blaupause und kein fertig ausformuliertes Konzept, das Schritt für Schritt umgesetzt werden könnte. Die Bindungsförderung müsse nach und nach in den Stationsalltag integriert werden – oder auch einsickern.

Zunächst schulen Ritz und Witsch alle Mitglieder der Wochenbettstation und des Kreißsaals, auch die ärztlichen. Dafür bekommen sie einmal im Quartal anfangs vier, später acht Stunden. Für ein derart komplexes Thema ist das wenig Zeit. Witsch: »Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer kamen von ganz woanders. Die meisten konnten nach der ersten Stunde der ersten Veranstaltung gar nicht mehr richtig zuhören. Sie waren zu bewegt und mit sich selbst beschäftigt, denn es geht erst einmal an die eigene Bindungsgeschichte.« Diese Veranstaltung regelmäßig zu wiederholen, ist ein Baustein für den Erfolg.

Denn es ist gar nicht so einfach, alle Kolleg:innen mit dem Bindungsfieber zu infizieren. Schließlich arbeiten rund 25 Menschen verschiedensten Alters und mit unterschiedlicher Erfahrung dort, einige sind 20 Jahre und länger im Beruf. Darunter sind Krankenpfleger:innen, Kinderkrankenpfleger:innen und Hebammen. Ritz: »Eine Kollegin hat gesagt: ›Ich habe es nicht so gelernt. Ich habe gelernt, dass die Kinder ins Kinderzimmer kommen, ich denen in der Nacht die Flasche geben darf und auch Schnuller und Tee gut für ein Baby sind.‹ Für diese Kollegin haben wir den Arbeitsplatz komplett verändert.« Auch andere sehen sich damit konfrontiert, dass alles, was sie in den vergangenen Jahren gemacht haben, auf einmal falsch sein soll. Da braucht es ein hohes Maß an Empathie, Verständnis und Geduld, diese Kolleginnen ins Boot zu holen. Die eine oder der andere kapituliert und sucht sich einen neuen Arbeitsplatz. Das nehmen die beiden Enthusiastinnen in Kauf, für sie gibt es kein Zurück. Ritz: »Mein Anspruch ist, nach bestem Wissen und Gewissen zu arbeiten. Und dieses Wissen habe ich nun mal, da kann ich im Dienst nicht so tun, als ob ich davon nichts wüsste. Das bedeutet auch, dass ich es den Leuten erklären muss – und will. Egal, ob sie sich dann danach richten oder nicht.«

Zusätzlich zu den Schulungen beginnen die Visionärinnen mit der Praxis: Sie sorgen dafür, dass Bondingtops und Babybeutel angeschafft werden, sie werden auch Bondingsäckchen genannt und sind ähnlich wie Pucksäcke. Sie reden mit den werdenden Eltern (und den Kolleg:innen) und weisen auf die Bedeutung des Hautkontaktes hin. Stetig wächst die Zahl der Eltern, die im 24-Stunden-Hautkontakt mit dem Neugeborenen sind. Heute gehört es zum Stationsbild, dass eine Mutter mit einem Bondingtop bekleidet oder ein Vater mit nacktem Oberkörper in Boxershorts auf der Station herumlaufen. Die Kolleg:innen, Ärztinnen und Ärzte haben sich an diesen Anblick gewöhnt. Witsch: »Die Nacktheit fällt uns gar nicht mehr auf.« Ein deutliches Indiz, dass sich das Konzept durchsetzt. Ein weiteres ist, dass zwei Jahre nach der Einführung der Flyer »Haut auf Haut« erscheint, in dem das Konzept vorgestellt und mit ihm geworben wird. Heute melden sich die Paare deswegen zur Geburt im Klösterchen an. Ritz und Witsch schätzen, dass nur etwa 3 % der Paare bei ihnen nicht in ständigem Hautkontakt mit ihrem Baby sind.

 

Die Sache mit dem Töpfchen

 

Zwei Jahre nach der Einführung wagen Witsch und Ritz den nächsten Schritt. Sie schaffen ein Töpfchen an. Genau: ein Töpfchen für »Pippi-Kacka«, wie Witsch es nennt. Zunächst privat. Sie stellen es den Kolleginnen und den Paaren vor. Der Grundgedanke: Ein Baby entleert ungern Blase oder Darm, solange etwas den Weg verdeckt: eine Windel, der nackte Arm der Eltern oder sonst etwas. Es wird unruhig, wenn es muss. Es meldet sich. Wird es dann abgehalten, lässt es locker. Muss es in eine Windel machen, weil der Druck zu groß wird, dann lässt es lediglich das Nötigste raus. Die beiden Hebammen sind wie elektrisiert, als sie erleben, dass es wirklich klappt. Und sie sind beschämt.

Sie beobachten, dass die Babys auf sich aufmerksam machen, wenn sie müssen. Und dass die Eltern die Körpersprache ihres Kindes sehr gut verstehen. Ritz ist begeistert von der Kompetenz und Feinfühligkeit der Eltern: Wird das Neugeborene unruhig, dann halten sie es über dem Töpfchen ab. Das Baby macht – und entspannt sich. Witsch: »Das sind Mengen, die aus dem kleinen Körper rauskommen! Das hätte ich nie für möglich gehalten.« Den beiden Frauen drängt sich die Erkenntnis auf: Neugeborene halten offensichtlich immer etwas zurück, wenn sie in eine Windel machen. Witsch: »Wir hatten schon überlegt, die offiziellen Flüssigkeitsangaben für Ausscheidungen zu überarbeiten.« Sie grinst.

Ein Nebeneffekt des Töpfchens: Die Väter fühlen sich eingebunden. Witsch: »Die sind so dankbar für dieses Tool, sie haben eine Aufgabe.«

Diese Töpfchen-Geschichte liefert den beiden Hebammen auch eine Erklärung, warum es manchmal mit dem Stillen nicht klappt, warum unruhige Kinder, wenn sie angelegt werden, trotzdem weiter mit den Beinchen strampeln und den Kopf hin- und herdrehen und nicht an die Brust gehen: Sie müssen. Witsch: »Wenn wir die einmal abhalten, gehen die danach sofort an die Brust. Wir waren fasziniert, wie einfach sich Stillprobleme manchmal lösen lassen.« Ernst fügt sie an: »Es braucht Mut, anzuerkennen, dass man Jahrzehnte lang so schief gelegen hat.« Heute steht an jedem Bett der Wochenstation ein Neugeborenen-Töpfchen.

 

Und wie ist das mit der SIDS-Prophylaxe?

 

Es gibt kaum eine Fortbildung, bei der sie nicht nach der SIDS-Prophylaxe gefragt würden, erzählen die beiden Hebammen. Ritz sagt: »Oberste Priorität hat die Sicherheit, also ein sicherer Schlafplatz. Die höchsten Risiken verursachen Rauchen und Nichtstillen. Zusammenschlafen, das bestimmten Regeln folgt, wirkt prophylaktisch, denn es erleichtert das Stillen. Außerdem stimulieren die Impulse der Eltern – wie Atmung oder Bewegungen – die Kinder, sie fühlen sich geborgen.«

Es gebe genügend Daten dazu, sagen sie. Es folgt eine Aufzählung von Kontraindikationen für den Hautkontakt: Alkohol, Drogen, Nikotin, Medikamente, die die Sinne benebeln etc. Aber darauf werde schon beim Anmeldegespräch hingewiesen. Natürlich würden die Eltern auch gründlich über die sichere Schlafumgebung aufgeklärt: Wie müssen die Eltern sich legen, wie muss das Kind liegen? Das wird auch in dem Flyer »Haut auf Haut« erklärt.

Mittlerweile gibt es für das Bindungskonzept einen hauseigenen Standard, den sowohl der Chef als auch die Kinderärztin unterzeichnet haben. Der beinhaltet selbstverständlich, dass das Baby bei Mutter oder Vater auf der Brust schläft.

 

»Wie geht es Ihnen?«

 

Natürlich geht das nicht immer reibungslos. Es gibt Eltern und Kinder, bei denen das mit dem ständigen Hautkontakt nicht gut funktioniert und zu Irritationen führt. Manchmal kann sich keine Partei richtig entspannen. Dem liege häufig ein Problem oder Trauma zugrunde, oder eine problematische Bindungsgeschichte auf Seiten der Eltern – eine Geschichte, die durch den Hautkontakt getriggert werde, erzählen die beiden Frauen. Und dem gelte es, sich zu nähern. Das fange schon damit an, die Frage, »Wie geht es Ihnen?«, wirklich ernst zu meinen und auch negative Antworten zuzulassen und zu würdigen. Auszuhalten, wenn die Frau plötzlich anfängt zu weinen, und das nicht abzutun mit: »Wird schon wieder, Sie haben ja ein gesundes Baby«, sondern zu sagen: »Erzählen Sie mal, was genau bedrückt Sie?« Ritz und Witsch wissen, dass viele Kolleg:innen Angst vor so einer Begegnung haben, Angst, an einem Trauma zu rühren und dann überfordert zu sein – und am Ende ist die Frau erst recht traumatisiert. Deshalb arbeiten sie gerne mit einer Psychologischen Psychotherapeutin zusammen, die sie den Frauen empfehlen. Ihre Bemühungen, eine Stelle für so jemanden auf der Station zu schaffen, waren bislang erfolglos.

Die beiden Hebammen fürchten sich nicht davor, Unglücksgefühle oder schwierige Themen anzusprechen und den Frauen Unterstützung anzubieten. Ritz: »Nur so können wir helfen, Probleme zu identifizieren, und den Frauen ein Angebot machen.« Ihre Erfahrungen damit seien gut, in der Tat löse sich häufig etwas. Eltern und Kind könnten dann eine »entspannte Zeit des liebevollen Kennenlernens erleben.« Gerade in den ersten Tagen in der Klinik falle es den Eltern leicht, über ihre Probleme und Sorgen zu sprechen. Wegen des hohen Oxytocinspiegels durch den Hautkontakt seien sie besonders offen. Man müsse sie allerdings ehrlich fragen. Ritz: »In den ersten Tagen nach der Geburt werden die Weichen für den gesamten Lebensweg gestellt. Es liegt in unseren Händen, eine Traumatisierung im Krankenhaus zu verhindern – und manchmal können wir sogar bestehende Traumata lösen.«

 

Ein langer Weg

 

Bis das Konzept etabliert ist und alle sich damit identifizieren, braucht es vermutlich noch ein paar Fortbildungen und viel Zeit. Ritz vermutet, dass sie in vielleicht 10 bis 15 Jahren alle auf einem Nenner sind. Witsch resümiert: »Vieles würde ich im Nachgang anders anpacken. Aber wir sind jetzt diesen Weg gegangen und ziehen immer mehr Leute mit. Wir sind also auf einem guten Weg.«

 

Vortrag auf dem DHZCongress 2022

 

Susanne Ritz & Vera Witsch werden auf dem diesjährigen DHZCongress am 10. September einen Vortrag über ihr Wochenbettkonzept halten. Weitere Informationen finden Sie unter > https://www.dhz-congress.de/

 

Rubrik: Ausgabe 06/2022

Vom: 23.05.2022