Den Anfang beschützen

Als ich vor Jahren die Helgoländer Hebamme vertrat, war ich beeindruckt, wie unterschiedlich im Vergleich zur Großstadt dort manche Traditionen rund um die Geburt gelebt wurden. Während die Frauen in Hamburg Probleme hatten, sich zwischen den verschiedenen großen Kliniken mit all ihren Angeboten zu entscheiden, kamen die emigrierten Helgoländerinnen zur Geburt ihres Kindes zurück auf die Insel, um ihr Kind im dortigen Krankenhaus mit der Unterstützung einer Hebamme und eines erfahrenen Chirurgen zur Welt zu bringen – auf dass es ein „Helgoländer“ oder eine „Helgoländerin werde. Nach der Geburt wären die Frauen nicht auf die Idee gekommen, das Inselkrankenhaus vor Ablauf der damals noch üblichen fünf Tage zu verlassen. Warum auch? Die Wöchnerin und ihr Neugeborenes waren etwas ganz Besonderes in dieser Klink, wo im Jahr zwischen zwölf und 18 Kinder geboren wurden. Wie eine Königin mit ihrem Königskind wurden die beiden vom Personal umsorgt und bestaunt und natürlich wussten alle auf der Insel schnell über die Ankunft eines neuen Menschen Bescheid. Diese besondere Aufmerksamkeit der Gemeinschaft war sicherlich eine wirksame Prophylaxe gegen mögliche Wochenbettdepressionen. Auch heute ist diese Tradition in vielen Kulturen noch selbstverständlich, zum Teil auch bei uns, oft bei MigrantInnen.

Die Entlassung nach drei Tagen markiert den endgültigen Wendepunkt in der klinischen Wochenbettkultur. Hier wird deutlich, wie wenig Fürsorge unsere Gesellschaft in dieser zentralen Lebensphase vorsieht. Weil familiäre Unterstützung nicht mehr selbstverständlich ist, wird der Übergang zum Elternwerden noch unsicherer und gefährlicher. Ist es da erstaunlich, wenn im Wochenbett die Welt zusammenbricht, weil die Angst vor der Verantwortung oder Verlassenheitsgefühle zu groß werden? Diese Bedingungen stellen Hebammen vor neue Aufgaben. Neben der medizinischen wird die psychosoziale Begleitung im Wochenbett noch wichtiger. Hebammen wissen, dass in diesen Tagen entscheidende Weichen gestellt werden, sie wissen auch, was es braucht, damit der Anfang gelingt. Bereits der Vorbesuch für die Wochenbettbegleitung eröffnet die Chance, die spezifische Situation und die Bedürfnisse einer Frau und ihrer Familie wahrzunehmen. Hier können mögliche Problemfelder und Defizite im Vorfeld erkannt und mit der Frau besprochen werden. Diese Vorsorge kann eine postpartale Depression verhindern.

Das Ankommen im neuen Leben braucht vor allem: Zeit.  Bindung fördern, heißt Beziehung anbieten – und zwar langfristig. Dies ernst zu nehmen, heißt dableiben, sich nicht entfernen, wenn es erst richtig losgeht. Hier sind es besonders die Frauen nach einem Kaiserschnitt, die oft mehr Begleitung und Zuspruch brauchen. Die umfassenden Möglichkeiten der Wochenbettbegleitung, die Hebammen in Deutschland haben, sind einzigartig in Europa. Diese Chance der Prävention sollten wir den Frauen nicht vorenthalten – ebenso wie die Möglichkeit, den eigenen Erfahrungsraum bei dieser Arbeit ständig zu erweitern.