Forschung als Basis

  • Eileen Hutton, Hebamme und Forscherin aus dem kanadischen Vancouver: „Evidenzbasierte Praxis ist die Grundlage für jeden Gesundheitsberuf“

  • Geehrt fühle ich mich, das Editorial in dieser so wichtigen Ausgabe über das Forschen von Hebammen schreiben zu dürfen. Forschung als Basis für die Hebammentätigkeit (evidenzbasierte Praxis) ist kein neues Konzept. Tatsächlich waren Hebammen unter den ersten, die unübliche Fälle in ihrer Praxis sorgfältig dokumentierten und daraus Schlüsse zogen. Die Hebamme Catharina Schrader dokumentierte in den 52 Jahren ihrer Tätigkeit (1693 – 1746) über 4.000 Geburten. Die Berichte von Schrader zeigen ihre große Beobachtungsgabe. Obwohl ihre Methoden heute als zu einfach angesehen werden, ist ihre Untersuchung bemerkenswert für die Zeit, in der sie lebte. Sie bietet uns eine reichhaltige historische Perspektive der Geburtskultur dieser Ära. Nur wenige von uns haben wohl die Disziplin, detaillierte Aufzeichnungen über alle unsere Geburten vorzunehmen. Es gibt aber keinen Zweifel, dass unsere Praxis durch unsere unsystematischen Beobachtungen geprägt ist. Die Schwierigkeit, unsere Hebammentätigkeit allein auf Erfahrung zu gründen, liegt in der kleinen Zahl an Frauen begründet, auf die jede Hebamme in ihrem Leben unweigerlich begrenzt ist. Ein weiteres Problem ist, aus diesen wenigen Beobachtungen allgemeingültige Schlüsse zu ziehen.

    In der heutigen Zeit, in der die evidenzbasierte Praxis die Grundlage für jeden Gesundheitsberuf darstellt, schließen sich Hebammen anderen Klinikern an und suchen Forschungsergebnisse, um den Frauen die bestmögliche Betreuung zu bieten. In Ländern wie Österreich stellt es eine Pflicht für Hebammen dar, auf der Basis aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse zu praktizieren. Auch in Kanada, wo Hebammen erst seit zehn Jahren zu den regulierten Berufen im Gesundheitswesen gehören, ist evidenzbasierte Praxis fundamental. Frauen haben selbst durch Bücher, Zeitschriften und das Internet mehr Zugang zu Informationen und erwarten von ihren Hebammen eine qualifizierte Beratung.

    Die Anwendung von Evidenz macht klinische Entscheidungen nicht überflüssig. Vielmehr assistiert die verfügbare Evidenz Praktikern bei Entscheidungen. Die individuellen Umstände und die Präferenzen der jeweiligen Frau müssen selbstverständlich miteinbezogen werden. Um Forschung in die Praxis einzubeziehen, müssen Hebammen in der Lage sein, die entsprechende Literatur zu finden, Forschung kritisch zu hinterfragen, schwache von starker Evidenz zu unterscheiden und die Ergebnisse auf eine Art zusammenzufassen, die es ihnen erlaubt, sie auf ihre eigene Praxis zu beziehen. Richtlinien für die klinische Praxis von glaubwürdigen Gruppen wie beispielsweise den nationalen Berufsverbänden und systematische Übersichtsartikel über bisherige Forschung zu einer Frage bieten Hebammen exzellente Voraussetzungen, um zu schauen, welche Informationen verfügbar sind für die vielen Fragen, die sich aus unserer täglichen Praxis ergeben.