Interprofessionell studieren im „Lübecker Modell“

Teamgeist

Im »Lübecker Modell«, in dem neuerdings auch ein dualer Bachelorstudiengang Hebammenwissenschaft angesiedelt ist, lernen mehrere Gesundheitsberufe gemeinsam. Viele Vorlesungen laufen interprofessionell. Manche »Challenges« sollen Kommunikation und Teamgeist fördern. Gibt es Risiken und Nebenwirkungen? Ein (interdisziplinärer) Kommentar. Prof. Dr. Christiane Schwarz, Miriam Neis, Nele Stejskal, Dr. Alex Mommert
  • In fachpraktischen Workshops müssen Knochen sortiert, Lendenwirbel getastet, Gangbilder analysiert und Hände korrekt desinfiziert werden.

  • »Gesundheit im Team«, so das Motto des ersten interprofessionellen Tages auf dem Campus der Universität zu Lübeck. In der Foto-Challenge sollten sich die Teams in besonders sehenswerten Posen fotografieren.

Können Sie sich noch an Ihre Ausbildung erinnern? Sie bekamen ein Lehrbuch, haben den Inhalt drei Jahre lang gelernt und in zahlreichen Klausuren und dem Examen wieder abgespult. Sie hatten manchmal das Gefühl, was Sie da lernen, passt nicht mit Ihrem gesunden Menschenverstand zusammen, oder nicht mit dem, was Ihnen die praktische Erfahrung zeigt. Aber so war es damals: Episiotomien für alle. Sitzbäder mit Persil für dehiszente Dammnähte. Puderzucker auf die wunden Brustwarzen. Wochenfluss war infektiös, und Babys durften nicht verwöhnt werden.

Am Anfang der Ausbildung hat es noch wehgetan, Frauen und Kinder so zu behandeln, später hat sich vielleicht manche daran gewöhnt …

Und dann war da die andere Berufsgruppe. Die hatte ein anderes Lehrbuch, offensichtlich, denn sie hatte irgendwie andere Wahrheiten. Und da diese Berufsgruppe in der Hierarchie deutlich höher stand, hatte sie natürlich Recht. Konflikte wurden auf dem Rücken der Frauen und Kinder ausgetragen, die wir eigentlich gemeinsam betreuen sollten. Fast alle Chefärzte waren Männer, ebenso die Vorstände der Fachgesellschaften und die Leiter der Hebammenschulen. Frauen wurden nicht gefragt, ob ihnen eine Untersuchung wehtat, ob sie den Wehentropf, den Dammschnitt oder die Spritze für die Nachgeburt wollten. Hebammen waren Assistentinnen, sobald ein Arzt den Raum betrat.

Wer von uns hat in dieser Zeit nie einen letzten Zentimeter Muttermundsweite herbeigelogen, um eine Frau vor der tickenden Uhr des »erlaubten Zeitfensters« von »Muttermund vollständig« bis zur Geburt zu schützen? Wer hat nie absichtlich eine Epischere unsteril gemacht oder unter dem Stecklaken versteckt, in der Hoffnung, der Frau einen Dammschnitt zu ersparen? Überall gab es dieses subtile Unterlaufen von Gehorsam, manchmal auch die offene Konfrontation. Am Ende der Nahrungskette: die von uns betreuten Frauen und ihre Kinder.

 

Teamfähigkeit auf dem Prüfstand

 

Die Zeiten haben sich geändert, zum Glück. Und doch gibt es hier und dort vielleicht noch Relikte dieser alten Mythen und Traditionen, dieser mangelhaften Teamkultur, der fehlenden Wertschätzung. Bis wir gemeinsam auf der Basis solider wissenschaftlicher Grundlagen Frauen so betreuen, dass sie geschützt und in Sicherheit gebären können, ist es immer noch ein weiter Weg. Wie kann es gelingen?

Ein Ansatz, der durchgreifende Veränderungen bringen wird, ist die gemeinsame Ausbildung in Theorie und Praxis. Ein schönes Beispiel dafür bietet das Konzept der medizinischen und gesundheitswissenschaftlichen Studiengänge an der Universität zu Lübeck, das »Lübecker Modell«. Hier studieren und lernen angehende ÄrztInnen, Hebammen, Pflegende und PhysiotherapeutInnen zunehmend gemeinsam. Viele Vorlesungen laufen bereits interprofessionell, gemeinsame Praktika und Projekte folgen.

Eine Kostprobe bot im April der erste interprofessionelle Tag »Gesundheit im Team« auf dem Campus, organisiert vom Beauftragten für interprofessionelle Zusammenarbeit, dem Psychologen Dr. Alex Mommert. Zunächst wurde in einer gemeinsamen Einführung im großen Hörsaal ein Fall vorgestellt, der interdisziplinäre Fragestellungen bot: eine Frau wenige Tage nach der Geburt, die zu Hause unklare Symptome entwickelt und Hilfe sucht. Die Behandlungsodyssee dieser Patientin über mehrere Tage bei ÄrztInnen, Hebammen, Pflegenden und PhysiotherapeutInnen im ambulanten und später im stationären Bereich wurde geschildert. Da die Beteiligten des Falles jedoch neben- statt miteinander arbeiteten, kam es zu Verzögerungen in der Diagnosestellung und falschen Therapieansätzen.

Im weiteren Verlauf des Tages absolvierten 250 Studierende der Humanmedizin, Hebammenwissenschaft, Pflege und Physiotherapie in 43 gemischten Teams gemeinsam Aufgaben. Insgesamt gab es 25 fachpraktische Workshops, wo Knochen sortiert, Lendenwirbel getastet, Gangbilder analysiert oder die eigenen Hände korrekt desinfiziert werden mussten. Zudem bewältigten die interprofessionellen Teams auch »Challenges«, die ihre Teamfähigkeiten auf die Probe stellten: Neben einem unglaublichen Laufpensum auf dem Campus (die Schrittzähler glühten bei 20.000 Schritten und mehr) gab es zum Beispiel die Bierdeckel-Challenge, ausgerichtet vom Dualen Bachelorstudiengang Hebammenwissenschaft. Hierbei gab es eine Spielfläche, auf der sich nur die Körperteile der Studierenden befinden durften, die auf den Bierdeckeln vermerkt waren, zum Beispiel eine Nase, 2 Knie, 3 Hände, 4 Füße. Nur mit Kommunikation und gegenseitiger körperlicher Unterstützung konnte diese Aufgabe gelöst werden. Des Weiteren gab es die Foto-Challenge, bei der die Teams nach skurrilen Anweisungen Skulpturen bilden, Schachfiguren darstellen und sich in besonders sehenswerten Posen fotografierten.

Natürlich wurden am Ende im großen Hörsaal die besten Teams prämiert, mit Burgern vom Foodtruck und einer Eintrittskarte für einen Escape-Room. Aber auch die vielen MitarbeiterInnen der Studiengänge, die alles vorbereitet und die Stationen den ganzen Tag betreut hatten, kamen nicht zu kurz. Und ja: Die Hebammen bekamen einen Preis für den Workshop »Geburtshilfliche Diagnostik«, in dem die Studierenden sich an der äußeren Untersuchung des Kindes in utero versuchen durften. Mit Leopoldschen Handgriffen, dem Symphysen-Fundus-Abstand und Pinard bekamen sie ein beeindruckendes Gefühl, wie man mit den eigenen Händen und einfachen Hilfsmitteln die regelrechte Entwicklung eines Babys im Bauch der Mutter beurteilen kann.

Abschließend wurde der Fall aus der Einführungsveranstaltung vom Morgen noch einmal aufgegriffen: die Wöchnerin mit der Endometritis. VertreterInnen der verschiedenen Berufsgruppen präsentierten auf der Bühne, wie Diagnose und Therapie mit guter Kommunikation und Zusammenarbeit, abgestimmt auf die Bedürfnisse der Patientin, gelingen kann. Deutlich war der Unterschied zum tatsächlichen Verlauf: zügige, gute Absprachen, reibungslose Abläufe und ein deutlich besseres Ergebnis – zum Wohle aller Beteiligten.

 

Hierarchiefrei und lösungsorientiert

 

Beeindruckend waren die Rückmeldungen der Studierenden: überwältigend positiv. Sie betonten besonders, dass die Einblicke in die Arbeitswelten der anderen Berufsgruppen sie sehr bereichert und auch neugierig gemacht hatten. Prägend war die Erfahrung, im Team Probleme und Aufgaben lösen zu können und dabei die Fähigkeiten und Kenntnisse aller Teammitglieder klug einzusetzen – hierarchiefrei und lösungsorientiert.

Ein kleiner Ausschnitt aus einem ehrgeizigen Plan: die Welt besser machen, jedenfalls in der Betreuung von Frauen und Kindern, die darauf angewiesen sind. Es ist ein Menschenrecht, so gut wie möglich versorgt zu werden. Das Lübecker Modell steuert einen Teil dazu bei: Gemeinsam ausbilden, gemeinsam arbeiten – so kann es gelingen.

Rubrik: Aus- und Weiterbildung | DHZ 08/2018

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