Leseprobe: DHZ 03/2017
Crashkurse für werdende Väter

Auf Augenhöhe

Was denken werdende Väter über ihre künftige Rolle? Erfahrungen aus Crashkursen für werdende Väter. Eberhard Schäfer
  • Vater werden ist eine existenzielle Erfahrung. Ein Fundament auch für das weitere Leben als Familie.

Väter sind großartig! Wirklich und real, hier und heute. Denn – wer hätte das vor 20 Jahren vorausgesagt? – Väter wickeln ihre Kinder, freiwillig und gern. Väter nehmen sich mindestens doppelt so viel Zeit für ihre Kinder wie vor einer Generation (Mühling 2015). Sie spielen mit ihnen, wann immer möglich – am Feierabend, am Wochenende.

Väter nehmen Elternzeit – aktuell und bundesweit machen das etwa 35 Prozent aller frischgebackenen Väter. In einigen Städten und Gebieten ist es nahe oder sogar über 50 Prozent, etwa in Franken und in Jena. Und dass über 90 Prozent der Väter bei der Geburt ihrer Kinder dabei sind, ist schon eine Selbstverständlichkeit, die nicht mehr erwähnenswert zu sein scheint – obwohl doch im Generationenvergleich ebenfalls ein neues Phänomen (Schäfer, Abou-Dakn & Wöckel 2008).

 

Lob oder Tadel?

 

Einen Moment, bitte: Sind Väter wirklich so großartig? Bei allem Fortschritt – irgendwie scheint es nicht gut genug, was die Väter da leisten. Fast immer ist da ein Unterton, der die Fortschrittsmeldungen mit Daten und Fakten in den Medien begleitet. Dieser Unterton schwankt zwischen „gönnerhaft“ und „sanftem Tadel“. Der gönnerhafte Ton sagt: „Immerhin, da tut der Vater mal was ... ein guter Anfang, schauen wir mal, wie es weitergeht ...“ Und der sanfte Tadel sagt: „Nur zwei Monate Elternzeit, wie bitte, nicht mehr?! Dieser mickrige Wert wird als Väterfortschritt gefeiert? Das kann nicht sein! Im Gegenteil – hier können wir das wahre Gesicht der Väter erkennen: Die Väter wollen ein bisschen was tun für ihre Kinder, aber halt nur ein bisschen“. Und weiter heißt es dann oft, die Väter würden sich gern die Rosinen herauspicken, übernähmen ein wenig von den angenehmen Dingen mit den Kindern, spielten Freizeitwickeln, Kinderwagenschieben, Babysitten. Aber ansonsten tummelten sie sich lieber in ihrer gewohnten Sphäre, der Arbeitswelt. So weit, so vielversprechend – oder so ernüchternd, je nach Sichtweise.

Angesichts dieses Zwiespalts zeigt sich die Ambivalenz gegenüber dem, was man als moderne Vaterrolle bezeichnen könnte. Der moderne Vater – ist er auf Augenhöhe mit der Mutter, der Partnerin? Kümmert er sich mit dem gleichen Verantwortungsbewusstsein um die Kinder? Gehört zu dieser Auffassung geteilter Verantwortung gegenüber den Kindern, dass auch die Mutter einen Teil der Verantwortung bewusst an ihren Partner abgibt? Oder gilt der Vater lediglich als ihr „Assistent“, Helfer, Unterstützer und Babysitter im Bedarfsfall? Diese beiden Pole bilden wohl den Hintergrund für die unterschiedlichen Auffassungen darüber, wie Väter sich in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten entwickelt haben.

Ob man sich zur Lob- oder zur Tadelfraktion zählt, hängt davon ab, welche Rolle und welchen Stellenwert man Vätern zumessen will. Wenn Väter aufmerksame Helfer und Assistenten sein sollen, so ist das Ziel wohl fast erreicht. Wenn man Väter jedoch als gleich kompetentes, gleichwertiges Elternteil auf Augenhöhe mit der Mutter oder Partnerin betrachtet, dann liegt noch eine weite Strecke vor uns. Dies ist eine Entscheidung, die jedes Paar treffen muss, aber auch professionelle Unterstützungssysteme sowie Politik und Gesellschaft. Wollen sie, wollen wir die Väter auf Augenhöhe mit den Müttern – mithin ein Verständnis gleichwertiger Mütter- und Väterkompetenz? Oder wollen wir ein Modell des „modernisierten Familienernährers“: des Vaters also, dessen primäre Verantwortung weiterhin darin liegt, für das Wohlstandsniveau der Familie zu sorgen und der sich außerdem als Helfer und Assistent auch um die Kinder kümmert?

 

Wenig Raum für eigene Emotionen

 

Seit 2007 führen wir im Kontext des Väterzentrums Kurse für werdende Väter durch. Diese Crashkurse bestehen aus nur einem Termin von drei Stunden am Samstag oder am Mittwochabend. Wir arbeiten gegenwärtig mit vier Kliniken für Geburtshilfe in Berlin zusammen, in denen die Kurse regelmäßig etwa einmal monatlich stattfinden. Zwischen 3 und 15 werdende Väter nehmen jeweils teil und zahlen dafür 30 Euro. Seit 2007 können wir mithin weit über 1.000 „Absolventen“ der Kurse zählen. Die Teilnehmerfeedbacks sind gut bis hervorragend; eine systematische externe Evaluation hat es bisher jedoch noch nicht gegeben.

Hintergrund und Zielsetzung der Crashkurse für werdende Väter sind Stressabbau und Angstreduktion, der Gewinn von Sicherheit durch Information und Versachlichung statt Anekdoten, Horrorgeschichten und Mythen. Ein wichtiger Aspekt ist auch der Austausch unter Männern, die dadurch erkennen: „Ich bin ja nicht der Einzige mit diesen Fragen und Ängsten!“ Im Zentrum der Arbeit steht der Vater mit seinen Gedanken, Vorstellungen und Bedürfnissen. Die Rolle und das Potenzial des Vaters als eigenständige Bezugsperson für sein Kind sollen ins Bewusstsein gerufen und gefördert werden. Wir nutzen die Transitionsphase des Mannes zum Vater, um ihn als potenziell „engagierten Vater“ zu unterstützen. Die „Augenhöhe“ der beiden Elternteile ist hier wichtiges Leitmotiv.

 

Vorgestellt

 

Das Väterzentrum Berlin unterstützt und fördert gute Beziehungen zwischen Vätern und ihren Kindern. Im Jahr 2017 begeht das Väterzentrum sein zehnjähriges Jubiläum. Es kann auf einen Erfahrungsschatz zurückgreifen, der auch durch eine wissenschaftliche Evaluationsstudie gestützt wird. Das Väterzentrum ist das einzige seiner Art in Deutschland. Seine Angebote sind für alle Väter, Kinder und gegebenenfalls
auch Mütter zugänglich; sie sind im Kontext des §78 SGB VIII definiert als Familienbildung. Als einzige Einrichtung der Familienbildung mit der Schwerpunktzielgruppe Väter wird das Väterzentrum gefördert vom Land Berlin, Senatsverwaltung für Bildung. Damit ist Arbeit in einem fachlichformellen Kontext eingeordnet, vernetzt und qualitätsgesichert.

Weitere Informationen: www.vaeterzentrum-berlin.de

 

Das Schweigen der Männer

 

Werdende Väter sprechen wenig darüber, was es „mit ihnen macht“, auf das Vatersein zuzugehen und die Schwangerschaft der Partnerin zu erleben. Aber Schweigen heißt nicht Teilnahmslosigkeit! Im Gegenteil. Da passiert viel „im“ werdenden Vater. Worüber schweigt er also, der werdende Vater?

Die Dominanz der schwangeren Partnerin vereinnahmt alles Denken, Empfinden und Handeln des werdenden Vaters. „Dominanz“ – was heißt das hier? Die Schwangerschaft der Partnerin ist Dreh-und Angelpunkt. Die Entwicklung des Fötus, der Bauch der Partnerin: Ist da alles in Ordnung, gibt es Probleme, könnten Probleme entstehen, sind die Laborwerte okay oder nicht? Wie kann der werdende Vater auf die Sorgen, Gedanken und Perspektiven der Partnerin reagieren? Viele werdende Väter erzählen, dass die Partnerin sich tage- und nächtelang mit tausend Aspekten der Schwangerschaft beschäftige, im Internet zig Begriffe nachschlage und darüber lese. Demnach scheint die Schwangerschaft insbesondere durch mannigfaltige Lektüren im Internet ein großer Verunsicherungsfaktor für die Frau zu sein. Die primäre Aufgabe des Partners liegt dann darin, sie zu beruhigen, ihr Halt zu bieten, ihr wieder und wieder zu erklären und zu bekräftigen, dass er sie unterstütze, dass er alles Mögliche und Erdenkliche tut und weiterhin tun werde, um Schwangerschaft und Geburt möglichst erträglich, womöglich teilweise sogar angenehm zu gestalten. Etwa drei Viertel der Teilnehmer sagen zu ihrer Motivation, am Kurs teilzunehmen, dass sie ihre „Partnerin so gut wie möglich unterstützen“ möchten. Ein Viertel sagt als primäre Motivation, dass es ihm darum geht, als Vater auch eine gute Bindung zum Kind aufbauen und im Kurs Anregungen dafür finden zu wollen.

Ähnlich verhält es sich mit Aspekten und Themen nach der Geburt, also mit dem neugeborenen Baby als Dreh- und Angelpunkt. Da bleibt kaum Raum für das, was den Mann selbst bewegt. Im Übrigen möchte er sich damit „vornehm zurückhalten“, denn er akzeptiert, dass die Belange der Frau wichtiger und vordringlicher seien als seine. Die Geburt eines Kindes, zumal des ersten, ist zweifellos ein markantes Lebensereignis. Einerseits löst es viele Ängste aus – vor dem Geburtsvorgang, vor den anstehenden Veränderungen. Andererseits ist es auch mit freudiger Erwartung verknüpft, nicht immer, aber häufig. Gleichwohl wird all dies vom werdenden Vater bei der Frau gesehen und auf sie projiziert, der gesamte Diskurs rund um die Geburt dreht sich um die werdende Mutter. Dies gilt auch für Verwandte, Bekannte sowie vor allem Fachleute, also Hebammen, Ärztinnen und Ärzte: Das gesamte Gesundheitswesen rund um die Geburt widmet sich dem Erleben und den Fragen der Frau – dem werdenden Vater demgegenüber allenfalls am Rande.

Da reiht er sich brav ein. Er nimmt quasi die Rolle des „Kavaliers“ und „ritterlichen Unterstützers“ seiner Frau ein: Ich – der Mann – frage mich, was sie braucht und kümmere mich um die nötigen Dinge. Ich frage sie, wie es ihr geht und was sie braucht. Ich versuche verständnisvoll zu sein in Bezug auf all ihre Ängste, Fragen, Hoffnungen und Bedürfnisse. Ich versuche, so gut ich kann, ihr die Sorgen zu nehmen ... Immer stärker kommt hier ein Muster zum Ausdruck, dass eher einem traditionellen Geschlechtsrollenverständnis entspricht – die schwache, schutzbedürftige Frau hier und der starke, versorgende, aufmerksame Mann da. Er, der seine eigenen Sorgen, Unsicherheiten, Fragen, Zwiespälte und Bedürfnisse zurückhält, um voll und ganz der Beschützer und Versorger für seine Frau zu sein, der Fels in der Brandung.
Diese Verteilung von „Bedürftig-sein“ auf Seiten der Frau und „Stark-sein-sollen-und-müssen“ auf Seiten des Mannes scheint eine Grundkonstellation von Paaren zu sein, die ein Kind erwarten. Und das „System“, die fachliche Unterstützung des Gesundheitswesens rund um die Geburt, stützt diese Entwicklung weitgehend. Der Mann wird in dieser Position eher bestärkt. Mithin läuft das Unterstützungssystem Gefahr, massiv zur Retraditionalisierung von Mütter- und Väterrollen beizutragen (Müller & Zillien 2016).

 

Erfahrungen mit einer neuen Dimension

 

In den Crashkursen für werdende Väter laden wir die Teilnehmer ein, über ihre Themen zu sprechen. Das funktioniert in aller Regel leicht. Daher erfährt man, dass ihre stillen Themen im Wesentlichen mit Verantwortung zu tun haben. Ihre Gedanken kreisen etwa um Folgendes: „Mein Leben ändert sich grundsätzlich. Wie werde ich das alles bewältigen können?“ Die Erwartungen an die Ernährerrolle bleiben bestehen oder werden erst richtig deutlich: „Wie werde ich meine Familie ‚ernähren‘ können?“ Außerdem ist eine aktive Vaterrolle vom werdenden Vater selbst erwünscht. Seine zentrale Frage lautet häufig in etwa: „Lässt sich das vereinbaren – die Ernährerrolle und Zeit für eine aktive Vaterrolle? Und wenn ja, wie geht das?“ Man kann mithin sagen: Der werdende Vater denkt vor der Geburt seines Kindes in erster Linie an die Zeit nach der Geburt, weniger an die weitere Zeit der Schwangerschaft und an die Geburt.

Gleichwohl bietet die Schwangerschaft Möglichkeiten zur psychisch-emotionalen Vorbereitung auf die Familie, Elternrollen und Vaterschaft. Was der werdende Vater während der Schwangerschaft tut oder was er tun kann: Seine Hand auf den Bauch legen, hören, sprechen, singen. Von den Teilnehmern tun dies – geschätzt – rund drei Viertel. Für manche ist es eine Überraschung, dies tun zu können. Manche berichten, dass die Partnerin es nicht wolle. Diese Handlungen sind sicherlich bedeutsam für die psychisch-emotionale Einstellung des werdenden Vaters auf das „Später“ mit dem Kind.

Die Triangulierung, das heißt die Erweiterung des Paarsystems um das Kind, wird auf diese Weise antizipiert – ein hochkomplexer psychisch-emotionaler Vorgang. Bezüglich der Paarkonstellation und Intimität erhalten der „Bauch“ und damit der Körper der Frau eine neue Dimension. Wenn der Mann den Bauch der Frau berührt, dann berührt er sie, um in den Kontakt zu seinem zukünftigen Kind zu kommen. Dieser Vorgang kann einerseits angenehm sein und den Übergang vom Paar zur Familie fördern und gleichsam gestalten. Andererseits kann dieses „Sowohl-als-auch“ von partnerschaftlich-intimer Berührung die Frau irritieren oder stören – denn sie möchte als Frau gerade jetzt vielleicht nicht berührt werden, oder sie möchte vielleicht gerade lieber als Partnerin berührt werden und weniger als Mutter.

Hier sind mannigfaltige und hochkomplexe Aspekte von Partnerschaft, Intimität, Paarverhältnis und Übergang von der Paar- zur Elternkonstellation im Spiel; mal schön, mal anstrengend, mal angenehm, mal weniger angenehm. Vermutlich wird psychisch-emotional von beiden Partnern während der Schwangerschaft, in Vorbereitung auf die Elternschaft, Enormes geleistet. Bilder von Vater- und Mutterrollen werden hier „vorbesprochen“ und damit „vorgeformt“. Wenn man den Teilnehmern der Crashkurse zuhört, erhält man den Eindruck, als würden diese Aspekte einerseits zwar erlebt, andererseits in der Partnerschaft wenig bis gar nicht verbal kommuniziert und auch in der Kommunikation mit Nahestehenden oder Außenstehenden kaum angesprochen. Das Thema Paardynamik in der Schwangerschaft und für „frischgebackene“ Elternpaare wäre ein wichtiges Thema für professionelle Begleitung. Denn nicht selten kommt es bei den beschriebenen Prozessen zu Missverständnissen, Unstimmigkeiten oder gar Krisen. Übrigens sind körperliche Veränderung der Frau wie Bauch oder Gewichtszunahme, die die Frau häufig als Riesenproblem empfindet, für die Männer nur selten ein Problem!

 

Intuitive Übungen mit der Babypuppe

 

Im Crashkurs verwende ich für intuitive Übungen die Babypuppe „Tragling“ von Marion Edelmann. Die Puppe hat etwa die Größe und das Geburtsgewicht eines neugeborenen Babys (3.200 Gramm). Ohne Erklärungen wird die Puppe den werdenden Vätern auf den Arm gegeben mit der Bitte, sich damit vertraut zu machen, ein Gefühl zu entwickeln, und zu berichten „wie sich das anfühlt“. Was empfinden sie? Was würden sie tun bei der Vorstellung, dies sei ein reales Baby? Was würden sie tun, wenn dieses Baby nun unruhig werden würde? Eine Überraschung und ein „Aha-Effekt“ über intuitive Fähigkeiten stellen sich häufig ein, wenn der Befragte beginnt, das „Baby“ rhythmisch zu wippen.

Häufige Stellungnahmen dazu lauten etwa: „Ach, ich kann tatsächlich intuitiv gut und richtig mit dem Baby umgehen! Dafür braucht es kein besonderes Training? Das hätte ich nicht gedacht!“ „Ach, ich als Vater kann tatsächlich eine Beziehung zum Kind entwickeln, die ebenso gut ist wie diejenige zwischen Mutter und Kind? Das hätte ich nicht gedacht!“ „Da gibt es tatsächlich keinen biologisch vorgegebenen Unterschied zwischen Müttern und Vätern? Ich dachte bisher immer, Mütter wären von Natur aus viel näher an den Kindern dran, viel bindungsfähiger – und wir Väter wären Lichtjahre davon entfernt.”

Es kann für werdende und frischgebackene Väter also auch um mehr gehen als die Partnerin gut zu unterstützen. Es kann um Augenhöhe gehen, oder um gemeinsame Verantwortung, um zwei gleich wichtige und gleich zugewandte Elternteile. Für mich als Kursleiter ist es nach wie vor erstaunlich, wie viele Väter mit diesen Impulsen Neuland in ihrer Vorstellungswelt betreten.

 

Großes Potenzial

 

Die Crashkurse zeigen, dass Väter ein großes Potenzial haben – als kompetente und startbereit stehende Väter und Partner, die weit mehr zu bieten hätten als nur „Assistenten“ ihrer Partnerinnen zu sein. Die Perspektiven der werdenden Väter beziehen sich auf eine aktive Vaterrolle, die im Konflikt zur Verantwortung als Ernährer der Familie gesehen wird. Dies zieht sich übrigens durch alle Berufsgruppen und Milieus. Dieser Zwiespalt wird wenig kommuniziert und selten aufgelöst.

Die Partnerin und zukünftige Mutter wird ganz überwiegend als „Nummer 1“ fürs Kind gesehen, der Vater als Nummer 2. Die Rolle des Vaters wird als diejenige des „Unterstützers“ angelegt: Beide sehen es so, beide wollen es so. Diese Konstellation wird in vielen Varianten durchgespielt, verhandelt und gelebt. Dieses Muster erklärt übrigens auch die Entscheidung in Bezug auf die Elternzeit: Da die Mutter als wichtigere Bezugsperson fürs Baby angesehen wird, steht es häufig überhaupt nicht zur Diskussion, dass sie a) den längsten Teil der Elternzeit nimmt und b) vor allem gleich nach der Geburt für einige Monate zu Hause bleibt – meist für mindestens ein Jahr.

Der Crashkurs für werdende Väter bietet oft die Anregung, dass es auch anders gehen könnte: Elternschaft auf Augenhöhe, partnerschaftliche Verantwortung für Beruf und Kinder. Die Frage bleibt aber, ob eine solche Anregung allein zu anderen Entscheidungen führt. Vermutlich eher selten.

 

Konzept „Elternschaft auf Augenhöhe“

 

Väter sind interessiert an den Themen und Aspekten rund um die Vaterschaft und die Vater-Kind-Beziehung, ums Elternwerden und Elternsein, die Entwicklung vom Paar zur Familie. Man kann sie dort abholen, wo sie sind!

Das Potenzial der aktiven Rolle des Vaters ist da – es kann gestärkt werden. Am besten so früh wie möglich. Wichtig scheint hierbei, dass Paare mehr miteinander darüber sprechen sollten. Anscheinend werden zu viele Gegebenheiten als selbstverständlich gesehen und hingenommen. Auch für werdende und frischgebackene Mütter kann gesagt werden, dass sie zu häufig versuchen, alles allein zu bewältigen. Sie haben einen Mann, der neugierig und interessiert ist und der oft aus eigener Motivation heraus aktiv Vater sein will! Um diese Chance nutzen zu können, müssen Mütter jedoch bereit sein, von der großen Bedeutung der Mutterrolle loszulassen.

Wie sehen professionelle Unterstützungssysteme – hier vor allem dasjenige rund um die Geburt – die Rolle der Väter? Stellen wir uns den Vater in der Rolle des „modernisierten Familienernährers“ vor, der weiterhin in erster Linie für Beruf und Einkommenssicherung zuständig ist, und der sich zusätzlich – dies ist das Merkmal der „Modernisierung“ – als Unterstützer und Assistent um die Versorgung von Baby und Kindern kümmert? Oder stellen wir uns ein Konzept von „Elternschaft auf Augenhöhe“ vor, mit partnerschaftlich geteilter Verantwortung beider Elternteile für die Versorgung der Kinder einerseits, für Beruf und Einkommen andererseits?

 

Vater, nicht Babysitter!

 

Die US-amerikanische Vereinigung der „At-home-Dads“, der Väter, die die Rolle des Hauptverantwortlichen für die Kinder übernommen haben, verkündet auf T-Shirts den Slogan „Men don´t babysit. It´s called parenting.“ (http://athomedad.org/) Übersetzt heißt das etwa: „Väter sind keine Babysitter. Man nennt das verantwortliche Elternschaft“.

Väter sind also bereit. Zumindest offen. Wie stellen sich Mütter und Partnerinnen dazu, und vor allem: Wie stehen professionelle Unterstützungssysteme und die Gesellschaftspolitik dazu? Eine Auswertung vieler Praxiserfahrungen im englischsprachigen Raum zeigt, dass der Einbezug von Vätern essenziell wichtig ist und dass er gelingen kann (Panther-Brinck et al. 2014). Ein erster Schritt wäre, Termine für Ersthausbesuche bei frischgebackene Elternpaaren nur unter Einbezug der Väter zu machen.

 

Broschüren

 

Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) bietet für werdende Väter drei ansprechende Broschüren an, die Orientierung in der neuen Lebensphase bieten können:

  • Mann wird Vater
  • Väter auf die Geburt vorbereiten
  • Ich bin dabei! Vater werden

Sie stehen auch zum Download unter https:publikationen.sexualaufklaerung.de bereit.

Die Elterninfo zum Thema „Väter“ bietet umfassende Informationen für werdende Väter u.a. zu den Themen „Schwangerschaft aus Vätersicht“, „Vom Liebespaar zum Elternpaar“ und auch zu „Arbeit, Recht und Geld“. Sie kann unter der Best.-Nr. 2032 über den Elwin Staude Verlag bezogen werden.

Rubrik: Beruf & Praxis | DHZ 03/2017

Literatur

Abou-Dakn M, Wöckel A, Schäfer E: Väter. Elterninfo Nr. 20. Best.-Nr. 2032. Elwin Staude Verlag 2006

Callister LC, Matsumura G, Vehvilainnen-Julkunnen K: „He´s Having a Baby“. Journal of Marriage and Families 2003. 1

Huber J, Schäfer E: Väterpolitik in Deutschland. Bestandsaufnahme und Perspektiven für die Zukunft. in: In: Eickhorst A, Walter H (Hrsg.) Das Väter-Handbuch. Psychosozial Verlag. Gießen 2012. 127–146
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